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Scherk ist nicht mehr da...
Eine wechselhafte jüdische Unternehmensgeschichte in Steglitz


Vorderansicht des Fabrikgebäudes, erbaut nach Plänen von Fritz Höger. Foto: Irene Scherk

Alles hatte bescheiden mit einem Verkaufsgeschäft für Drogerieartikel am Kurfürstendamm angefangen, eröffnet von Ludwig Scherk im Jahre 1906.

Doch der Drogist Ludwig Scherk war kreativ und er-finderisch. Schon drei Jahre später, ab 1909, wurde eigens produziert, wenn auch noch zunächst in kleinem Umfang. Begonnen wurde mit der Herstellung von Körperpuder und einer Rauchverzehreressenz "Platina". Vor rund einhundert Jahren waren das echte Neuheiten. In den Folgejahren schuf das Unternehmen Scherk weitere Markenartikel.
Bekannt sind noch heute: Scherk Gesichtswasser, Scherk-Mystikum-Talkpuder und Mystikum Compakt als Puder für das Gesicht, ferner Scherk Cold Cream; ebenfalls für das Gesicht. Der Werbeslogan lautete damals: "Schöner werden beginnt mit Scherk".

Ab 1926 wurde dann in der Fabrik in der Kelchstrasse 31 in Steglitz-Südende produziert. Durch Erfindergeist, aber auch durch eine seriöse Marketingstrategie konnte das Unternehmen schnell wachsen. Damals gab es neben Schering und Nivea nur Scherk. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden 53 Zweigniederlassungen welt-weit. Allein in Berlin beschäftigte das Unternehmen über 400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mit dem mittlerweile international berühmt gewordenen TARR war das erste Rasierwasser 1931 auf den Markt gekommen.

Im Juni 1938 wurde das Unternehmen von Ludwig Scherk durch die Nationalsozialisten "arisiert". Schering wurde jetzt der neue Inhaber des Unternehmens. Ludwig Scherk war zwangsenteignet worden. Das Lebenswerk von Ludwig Scherk war verloren; er flüchtete nach London. Dort starb er 1946.

Der Sohn Fritz Scherk floh vor den Nazis, indem er unfreiwillig in die Fremdenlegion ging. Fünf Jahre lebte er unter falschem Namen in Nordafrika. Er erteilte unter anderem seinen Kameraden Musikunterricht im Akkordeon und in der Geige. Schließlich desertierte er im Jahre 1943. Er kam in Legionärsuniform über Ägypten nach Tel Aviv, im damaligen Palästina. In neuer ziviler Kleidung kam er dann nach Haifa. Das war damals noch eine Weltreise. In Haifa übte er verschiedene Tätigkeiten aus, um zu überleben.

Fritz Scherk war schon damals Pazifist. Um nicht erneut eine Uniform anziehen zu müssen, arbeitete er im Rambam-Krankenhaus in Haifa u.a. als OP- Assistent. Ferner verdingte er sich hier als Pfleger in der Psychiatrischen Abteilung. Auch gab er hier Musikstunden, um seine Einkommenssituation zu verbessern. Im Rambam-Krankenhaus lernte er seine erste Frau Ruth kennen, die im selbigen Krankenhaus als Köchin arbeitete.

Als sein Vater Ludwig Scherk 1946 in London verstarb, hatte er ein nach englischem Recht verfasstes Testament hinterlassen. Er verfügte darin, dass Fritz Scherk Haupterbe werden sollte. Seinem zweiten Sohn Walter, also dem Bruder von Fritz Scherk, wurden lediglich die Marken-rechte in Frankreich übertragen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das völlig zerstörte Unternehmen in der Steglitzer Kelchstrasse an Fritz Scherk zurückübertragen. Erst jedoch auf Bitten ehemaliger Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern seines Vaters, des Unternehmensgründers, fuhr er nach Berlin. Dort fand er ein total zerbombtes Gebäude vor. In den zerstörten Fabrikhallen befand sich lediglich ein Stuhl.

Im Jahre 1950 entschloss sich Fritz Scherk für den Wiederaufbau der völlig zerstörten Fabrik. Dies geschah mit Hilfe von geliehenem Kapital. Der finanzielle Aufwand für die Wiederherstellung der Fabrik betrug über zwei Millionen D-Mark.

1951 liefen bereits Gesichtswasser, Gesichtsmilch sowie Gesichtspuder vom Band. Innerhalb der nächsten 19 Jahre entwickelte sich das Geschäft zu einem weltweiten Unternehmen mit Produktions- und Verkaufsniederlassungen in über 50 Ländern. Doch damit nicht genug. Es kamen neue Artikel auf den Markt: Seife, Rasierwasser und Eau de Cologne, alles im selben Duft und in gleicher Verpackung. Diese neue Produktlinie trug den Namen "Irisch Moos". Außerdem wurden für die Damen Schminkartikel produziert. Fritz Scherk hatte nach Geheimrezepten als Erster wasserfeste Wimperntusche auf den Markt gebracht. Auch hier wurde jetzt eine geschlossene Produktlinie für den Bereich Augenkosmetik angeboten. Sein Werbeslogan lautete jetzt folgerichtig "Scherk ist wieder da".

Im Jahre 1969 verkaufte Fritz Scherk das blühende Unternehmen an den US-amerikanischen Alberto-Culver-Konzern. Der Verkauf hatte tragische Folgen. Der Alberto-Culver-Konzern wollte die vereinbarte Verkaufssumme in Höhe von 11 Mio. DM nicht bezahlen. Als Argument brachte Alberto-Culver die lächerliche Behauptung vor, dass die verkauften Marken nicht echt seien. Fritz Scherk wurde also des Betruges bezichtigt.

Doch Fritz Scherk gab nicht auf. Er zog sowohl in der Bundesrepublik Deutschland, in Frankreich als auch in den USA vor Gericht, um die vereinbarte Verkaufssumme gerichtlich einzuklagen zu lassen. Zunächst musste jedoch festgestellt werden, wo denn der Prozess generell stattzufinden habe. Natürlich wünschte sich die US - amerikanische Firma Alberto-Culver die USA als Austragungsort des gerichtlichen Verfahrens. Der oberste Gerichtshof in den Vereinigten Staaten von Amerika, der Supreme Court, entschied jedoch, dass der eigentliche Prozess vor dem Friedensgericht in Paris stattzufinden habe. Damit war zunächst eine erste schwere Hürde erreicht. Schließlich entschied das Friedensgericht in Paris, dass Fritz Scherk die Firma wieder zurück zu bekommen habe, da der vereinbarte Verkaufspreis von Alberto-Culver nicht bezahlt worden war. Fritz Scherk erhielt die Firma zurück, jedoch in einem ziemlich heruntergewirtschafteten Zustand.

Insgesamt hatte der Prozess zehn Jahre gedauert. Dies hatte an den Nerven und an der Gesundheit gezehrt. Nach zwei Herzinfarkten entschloss sich schließlich Fritz Scherk, sein Lebenswerk an das Unternehmen Lingner und Fischer zu verkaufen. Dieses Unternehmen war schon damals mit den Marken Odol-Mundwasser und Uhu-Klebstoff bekannt. Das Fabrikgebäude in der Kelchstrasse mitsamt den Laboratorien erwarb die Freie Universität Berlin. Heute befindet sich an diesem Standort das Institut für Pharmazie mit den Fachbereichen Biologie, Chemie und Pharmazie. Das Gebäude, ein Klinkerbau, der vom Hamburger Architekten Fritz Höger konstruiert worden war, steht mittlerweile unter Denkmalschutz.

Fritz Scherk hatte das Gesamtgesellschaftliche und die Notwendigkeit von sozialem Engagement immer im Blick. Schon in den fünfziger Jahren war bei Scherk die Fünf-Tage-Woche eingeführt worden. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter profitierten von Weihnachts- und Urlaubsgeldern ebenso wie von dem Drei- bis Vierwochenurlaub. Sie schätzten aber auch die generelle Lebensfreude ihres Chefs. Fritz Scherk spielte zeitweilig im Kabarett "Die Stachelschweine" mit. Gelegentlich fanden auch Aufführungen dieses Ensembles in der Kelchstrasse statt. Mit dem Geigenvirtuosen und Dirigenten Yehudi Menuhin verband Fritz Scherk innige Freundschaft. Sowohl im privaten Kreis als auch bei der Belegschaft im Fabrikgebäude fanden "Kammerkonzerte" statt.

In den sechziger Jahren baute Fritz Scherk einen Montessori-Kindergarten in der Elgersburger Strasse 2 im damaligen Berlin-Schmargendorf. Ferner baute er den Montessori-Schulkreis in der Delbrückstrasse im damaligen Berlin-Charlottenburg auf.

Am 31. März 1993 verstarb Fritz Scherk in Jerusalem. Er war zu Besuch bei seiner Tochter Irene, die jetzt wieder in Steglitz lebt. Seit dem 26. September 2006 erinnert am Gebäude des Instituts für Pharmazie der FU Berlin in der Kelchstrasse 31 eine Gedenktafel an die durch das NS-Regime enteignete Unternehmerfamilie Scherk.

Christian Hopfe

Die Ausstellung "Verachtet mir die Meister nicht..." zeigt Dokumente, Fotos und Produkte zur Geschichte der Firma Scherk, zusammengestellt von der Enkelin des Firmengründers Irene Scherk.

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